PERRY-RHODAN-Kommentar 2102
DIE MILCHSTRASSE 1311 NGZ (I)


Bevor wir uns den aktuellen Ereignissen in den letzten Oktobertagen des Jahres 1311 NGZ zuwenden, sollten wir uns mit der Entwicklung in der Milchstraße seit 1304 NGZ befassen: Sieben Jahre sind vergangen - im kosmischen Maßstab und vor dem Hintergrund des keineswegs wortwörtlich gemeinten, sondern »nur« für einen längeren Zeitraum stehenden »Jahrtausends der Kriege« ist das genau genommen »nichts«. Aber immerhin ausreichend, um eine gewisse Konsolidierung zu erreichen oder zumindest einzuleiten.

Nach SEELENQUELLS »Ende« waren die 34.000 körperlosen Bewusstseine der Monochrom-Mutanten als körperloser Nukleus zurückgeblieben, schwach, an den Rand der Existenz getrieben, aber zuversichtlich, sich zu stabilisieren, und davon überzeugt, nicht zu erlöschen. Dieser Nukleus befand sich in einem evolutionären Niemandsland, war zwischen einem kollektiven Parablock und einer Superintelligenz einzuordnen.

Allerdings war den Mutanten vollauf bewusst, dass sie die mit Abstand stärkste mentale Macht in der Milchstraße sein würden, sobald sie ihre kollektiven Psi-Kräfte regeneriert hatten. Sonderlich gesprächig hatten sie sich nicht gezeigt, aber sie waren fest entschlossen gewesen, sich in den kommenden Jahrhunderten im Bereich der Milchstraße und der benachbarten Galaxien aufzuhalten. Sie wollten versuchen, bis zur Rückkehr von ES das Kerngebiet der Mächtigkeitsballung von anderen Entitäten freizuhalten, damit das Machtvakuum keine neuen Gefahren anziehen konnte. Ihr Wunsch war überdies, in ES aufzugehen, wenn die Superintelligenz eines Tages zurückkehrte.

Rund zwei Jahre nach den dramatischen Ereignissen mit dem Sieg über SEELENQUELL am 31. Mai 1304 NGZ konnte davon gesprochen werden, dass sich die galaktopolitische Gesamtlage weitgehend ruhig präsentierte. Imperator Bostich I. hatte Wort gehalten, besetzte Gebiete geräumt und mit einer deutlich gemäßigteren Politik den ebenso mörderischen wie letztlich selbstmörderischen Expansionskurs des Kristallimperiums verlassen, ohne jedoch auch nur ein Jota von seinem Vorhaben abzuweichen, Arkon zur führenden Großmacht in der Milchstraße zu machen.

Nach der von ihm forcierten Expansion in der Zeit zwischen 1291 und 1303 NGZ, in der das Kristallimperium auf etwa 13.000 direkt eingegliederte sowie rund 22.000 unter wirtschaftlichem Einfluss stehenden Welten anwuchs, war die Entwicklung bis 1311 NGZ fast schon »gemächlich«. Der Arkonidenimperator hatte durch den ihm am 14. Mai 1304 NGZ verliehenen Zellaktivatorchip nun »unendlich« Zeit und konnte sein riesiges Imperium ökonomisch vernünftig konsolidieren. Sein Platz im Kristall der Geschichte war ihm als erstem auf diese Weise unsterblichen Arkoniden nach Atlan ohnehin sicher - ungeachtet der weiterhin nicht allgemein bekannten Tatsache, dass es auch schon in der arkonidischen Frühzeit zellgeduschte Imperatoren gegeben hatte.

Die einst hochvergiftete Atmosphöre in der Galaxis hatte sich an der Oberfläche entspannt, seit sich Bostich I. nach außen hin einen beinahe »liberalen« Anschein gab. »In Anerkennung für die Hilfe beim Kampf gegen SEELENQUELL hatte er beispielsweise Traversan »überaus groß zügig die volle Autonomie zugestanden«. Letztlich war das zwar Augenwischerei, sollte es mal wieder hart auf hart kommen, aber Fürst Ligatem nutzte seither die Eigenständigkeit und forcierte die Entwicklung des kleinen Reiches, das weiterhin Trav´Tussan hieß .

Das Galaktikum war und ist weiterhin in Mirkandol, dem »Ort der Begegnung«, auf Arkon I angesiedelt und durch den Kristallschirm des Arkon-Systems geschützt. Inwieweit es jedoch die ihm eigentlich zukommende Bedeutung erreicht, muss sich noch erweisen - sonderlich mit Ruhm bekleckert hatte sich dieses Gremium der galaktischen Völker im Vorfeld der Entwicklung bis zu den Ereignissen von 1303/1304 NGZ keineswegs. Die Ereignisse haben die Galaktiker jedoch zusammenrücken lassen und den Blick für Gefahren von außen geschärft.

Mit der Wahl am 16. Dezember 1306 NGZ war nicht nur Maurenzi Curtiz als Erster Terraner, sondern auch Rhodan als Terranischer Resident bestätigt worden. Verbunden damit war die Einführung des neuen Emblems der Liga Freier Terraner gewesen: Der blau dargestellte Einflussbereich der LFT in einem symbolisierten schwarzen Weltraumausschnitt geht darin über in einen geschwungenen, verbindenden roten Bogen vor drei gelben Kreisen. Die drei Kreise stehen hierbei für die drei Säulen der Liga: Freiheit, Prosperität, Vision.

Freiheit der Völker, die Achtung des Andersdenkenden, aber auch die gemeinsame Verteidigung im Bedrohungsfall – Stichwort: wehrhafte Demokratie. Prosperität beschreibt das Wohlergehen der Völker, im wirtschaftlichen wie im wissenschaftlichen und kulturellen Sinn. Und Vision meint, dass die Völker der LFT sich trotz unterschiedlichster Phänotypen und Gesellschaftsordnungen auf einer gemeinsamen ethischen Grundlage in die Zukunft entwickeln; hierzu gehören auch die Ziele der Thoregon-Agenda.

Wenige Tage nach der Wahl erreichten am 22. Dezember 1306 NGZ mit Verspätung die fünf SOL-Kreuzer die Milchstraße. Rhodan wurde wie auch schon durch Lotho Keraete über das Schicksal seines Sohnes Delorian informiert, von der Geburt bis zur ES-Genese.

Zu den weiteren Informationen gehörten jene über die Erlebnisse in Segafrendo und im Land Dommrath Chaotender, Tod von Torr Samaho, DORIFER-Pest, das Schicksal der beiden Monochrom-Mutanten Trim Marath und Startac Schroeder – sowie Atlans überaus skeptischer Bericht hinsichtlich Mohodeh Kaschas Hinweisen auf die verschiedenen Entwicklungen anderer Thoregons und der Absicht, mit der SOL weitere Informationen von den Pangalaktischen Statistikern in der Galaxis Wassermal zu erlangen.

Die größte Enttäuschung dürfte für Perry Rhodan wohl Mondra Diamonds Entscheidung gewesen sein, den Flug nach Wassermal mitzumachen ...

Rainer Castor