PERRY-RHODAN-Kommentar 1977


Ein neuer ES-Bote


Schon von ihrer Struktur her sind Superintelligenzen, die ja bis zu einem gewissen Grad dem Transformsyndrom unterliegen und von ihrer Seinsstruktur her eher dem Hyperraum als dem Standarduniversum zuzurechnen sind, keineswegs »perkekt« oder gar »allmächtig«, sondern auf Mittler und »Dolmetscher« angewiesen - auf Boten, die den wechselseitigen Kontakt zu den Niederungen normaler Raumzeit und ihrer Bewohner aufrecht erhalten.

Im Falle von ES lernten die Terraner im Laufe der Zeit mehrere dieser Mittler kennen:

Beim ersten Kontakt auf Wanderer, nachdem Perry Rhodan das »Galaktische Rätsel« gelöst hatte, handelte es sich um Homunk, einen »Roboter«, der sich selbst aber nicht als »Maschine« im terranischen Sinne sah, weil sein Gehirn eine halborganisch-intotronisch, angebliche sechsdimensionale, Verbindung war. Rhodan gegenüber umschrieb ES Homunk einmal sogar als »einen Terraner, den ich geschaffen habe - gewissermaßen aus überflüssiger Materie. Er gefiel mir, und so ließ ich ihn bestehen.«

Parallel zu den Ereignissen, die zur Gründung der Kosmischen Hanse führten, trat zeitweise der vormalige, lange Zeit in ES integrierte Botschafter der Kosmokraten Tiryk, Carfesch, im Sinne eines Superintelligenz bedingte, daß Carfesch, als er sich nun körperlich manifestierte, dies in Gestalt einer Materieprojektion tat. Rhodan gegenüber sagte er: »Wenn ich lange genug an deiner Seite bleibe, wird diese Projektion eines Tages vielleicht wieder körperlich. Ich würde es mir wünschen.«

Mit dem vormaligen Teletemporarier und Parapoler Ernst Ellert trat schließlich ein weiterer ES-Bote in Erscheinung, der ebenfalls »nur« über einen Projektionsleib verfügte - und es könnte durchaus sein, daß dieser »Nachteil« dazu führte, daß ES Lotho Keraete als einen weiteren, neuen Boten bestellte.

Welche Gründe im Einzelnen dazu führten, daß ausgerechnet dieser junge Terraner auserwählt wurde, kann nur ES selbst beantworten. Tatsache ist, daß Lotho offensichtlich die benötigte Qualifikation besaß und den nur ES bekannten Kriterien entsprach. Hier zu spekulieren, bringt deshalb wenig.

Viel bemerkenswerter und einer näheren Betrachtung zu unterziehen sind die mit dieser Auswahl verbundenen Aspekte und Konsequenzen. Einmal ist da der Zeitpunkt. Daß ES schon sehr lange in die Sache um Thoregon eingebunden ist, wurde schon an anderer Stelle dargestelt. Als erster konkreter Zeitpunkt ist nun das 26. Jahrhundert genannt, einschließlich einer auf lange Frist ausgelegten Planung.

Hieraus ergibt sich, daß frühere Handlungsweisen und Aussagen von ES offensichtlich relativiert werden müssen: Mit der Zerstörung von Wanderer und der Ausstreuung der 25 Zellaktivatoren im Jahr 2326 endete seinerzeit der bis dato recht enge Kontakt für lange Zeit.

Sicher, es gab zwischendurch die eine oder andere Verbindung von meist sehr orakelhafter Art, und es war und ist nicht ganz eindeutig, ob und wann anstelle von ES die Terraner dessen »innerem Widerpart« Anti-ES gegenüberstanden. Aber der angebliche »Rechenfehler« bei der Flucht vor dem Schwarm ist, vor allem mit Blick auf die bald darauf folgende Auseinandersetzung mit Anti-ES im Rahmen des »Kosmischen Schachspiels«, inzwischen wohl nur als »gezielte Desinformation«, um nicht zu sagen als Lüge, einzuschätzen.

Die ES-Verwirrung und die über ESTARTU und Nakken geschlossene Zeitschleife müssen nämlich ebenso beachtet werden wie der Auswahlzeitpunkt Lotho Keraetes, und letzterer liegt mitten in der angeblichen »Fluchtphase«.

Weiterhin stellt sich die Frage, wie die Ereignisse rings um den neuen ES-Boten genau einzuschätzen sind: Die von den Robotern abgegebenen Erklärungen wirken bei näherer Betrachtung recht hanebüchen, insbesondere was die Umwandlung des Körpers betrifft. Könnte es sein, daß der Defekt der Recyclinganlage eher eine vorgeschobene »Erklärung« und Lotho Keraetes Transformation von vornherein so geplant war?

Wird diese Frage mit Ja beantwortet, wirft das zwar, vor allem mit Blick auf Aspekte wie »Freiheitsberaubung«, Lothos Ängste und Verzweiflung und so weiter, kein gutes Licht auf ES, aber es würde die Angelegenheit im Nachhinein verständlicher machen - ist das Ergebnis doch ein potentiell unsterblicher, kaum verwundbarer Bote, der nicht den oben erwähnten Nachteil einer Projektionsgestalt besitzt.

Was sich dem Außenstehenden als vielfache, mitunter eher unbeholfene »Improvisation« darstellt, dürfte aus Sicht von ES die Annäherung an ein vorab definiertes Ziel gewesen sein. ES kann, so die bisherigen Erkenntnisse, in der ihm eigenen, bis zu einem gewissen Grad »überzeitlichen«, Lebensweise diverse verschiedene zeitliche Entwicklungslinien zumindest durchkalkulieren, um nicht zu sagen konkret-präkognitiv »sehen«.

Das schließt naturgemäß weder Irrtümer aus noch lassen sich - eingedenk des Transformsyndroms - Kausalzusammenhänge ohne Paradox-Effekt so ohne weiteres ausschalten; ES hat immerhin oftmals betont, daß sogar eine Superintelligenz sich über die (Natur-)Gesetze des Kosmos nicht hinwegsetzen kann und darf.

Aber unter dem Strich bietet sich dennoch ein erschreckendes Ergebnis: Wenn ES ein derart menschenverachtendes Gebaren an den Tag legt, um sich einen neuen Boten zuzulegen, wie groß muß dann die Gefahr sein, der es entgegen zu wirken gilt wenn es zum Höhepunkt des »Konstituierenden Jahres« kommt?

Apropos 1977: Elivis Presley, der King des Rock'n'Roll, stirbt; die Gefangenenhilfsorganisation »amnesty international« (ai) erhält den Friedensnobelpreis; der Schriftsteller und Dramatiker Carl Zuckmayer stirbt, ebenso Alt-Bundeskanzler Ludwig Erhard und die Operndiva Maria Callas; Film des Jahres ist »Krieg der Sterne«.

Rainer Castor